Martin-Luther: Protoaufklärer oder falsche Ikone?

Der Verein Gesellschaftspolitik e.V. Halle veranstaltet in den kommenden Wochen eine sehr interessante Vortragsreihe, die sich anlässlich des sogenannten Lutherjubiläums kritisch mit der Person auseinandersetzt. Warum wird 2017 immer noch ein Mensch gefeiert, dessen Vermächtnis gerade sein Antisemitismus, seine Verachtung vor Frauen und die Unterstützung einer bestehenden Herrschaftsordnung ist?

Mit Jutta Ditfurth, Klaus Thörner und Christoph Türcke finden sich unterschiedliche interessante Perspektiven auf ein nach wie vor aktuelles Thema.

Gesellschaftspolitik e.V.

Eine Veranstaltungsreihe von Gesellschaftspolitik e.V.

500 Jahre Reformation: Für Kirche, Staat und besonders jene ostdeutschen Bundesländer, dich sich mit Luther als lokaler Ikone schmücken dürfen, ist das jede Menge Grund zu feiern. Drei sogenannte Nationale Sonderausstellungen widmen sich dem wahlweise zum ersten Aufklärer, Proto-Demokraten oder Revolutionär stilisierten Luther. Die Tourismusbranche zieht mit und verkauft fleißig Luther-Playmobilfiguren, Luther-Badewadeentchen, Luther-Nudeln, Luther-Bier, Luther-Räuchermännchen. In Wittenberg werden zu den Luther-Feierlichkeiten rund tausende Menschen pro Tag erwartet, Pensionen und Hotels sind darauf eingestellt. Vom „Lutherjahr“ erhofft man sich also vor allem ein gutes Geschäft. Doch warum wird Luther gefeiert, was wird gefeiert und was wird dabei eher unter den Tisch gekehrt?

Mittlerweile ist Kirche und Bildungsbürgertum hinlänglich bekannt, dass Luther nicht nur gute Seiten hatte. Vor allem seine Einstellung und Äußerungen gegenüber Juden können schwerlich ins gute Licht gerückt werden und sind Gegenstand zahlreicher innerkirchlicher und öffentlicher Debatten. So distanzierte sich die EKD-Synode zum 500…

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Ich – Du – Schmu

Ich weiß nicht, wieso ich immer wieder den Fehler begehe, mir im Internet Beiträge von Hengameh Yaghoobifarah und dazugehörige Kommentare durchzulesen. Vielleicht hoffe ich immer noch darauf, irgendwann diese Debatte und ihre Position darin verstehen und für mich in irgendeiner Form politisch fruchtbar machen zu können. Vielleicht wenigstens eine Basis für den Weg der Auseinandersetzung damit finden zu können, an dessen Ende dann auch eine Abgrenzung stehen kann, ich zumindest aber weiß, ich habe mich informiert und mir begründet Gedanken gemacht habe. Immer wieder lese ich also diese und andere Beiträge, die sich direkt oder indirekt mit den Ideen von Critical Whiteness und Cultural Appropriation beschäftigen, doch es nützt nichts. Ja unter allen Artikeln sind jene von Heng leider die mit Abstand unnützesten, weil reine Befindlichkeitsbeiträge. Ich habe Hengs Blog schon während ihrer Schulzeit gelesen und prinzipiell macht sie jetzt nicht vieles anders – nur dass sie für größere Zeitungen und Magazine schreibt. Ihre Taz.-Kolumne Habibitus hat dann auch nicht mehr viel mit Journalismus, Nachrichten, Debatte oder Information zu tun. Nein, Heng schreibt über ihre Erlebnisse in Warteschlangen, an Supermarktkassen, Reaktionen auf ihre Artikel usw. Das ist schön und gut, all ihre Wut und ihr Hass schlagen einem deprimierend ins Gesicht, das kann man machen, muss auch raus. Genau aus diesem Grund blogge ich aber zu diesen Gedanken auf einem privaten Blog mit geringer Reichweite. Wenn ich aber einen Artikel einer sogenannten linken Tageszeitung zu einem Thema lese, brauche ich nicht die privaten Erlebnisse und Befindlichkeiten oder die Wut einer Autorin, die keinerlei analytische oder politische Tiefe haben, außer festzustellen, dass Almans (vermutlich Deutsche?) generell nicht freundlich sind oder lächeln können (während das selbstgezeichnete Bild der Autorin auch nicht gerade von Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit strotzt und sie ständig ziemlich miese Tage zu haben scheint). Diesen Blick auf die Welt darf sich Heng gerne aus ihrer Alltäglichkeit generieren, ich verstehe nur einfach nicht, warum die Taz. ihr Raum dafür gibt, diesen mit großer Reichweite zu teilen. Vielleicht sollte Heng mal Martin Buber lesen, denn mit der Vehemenz, die sie ihrer Sicht und Existenzberechtigung gibt, verliert sie aus dem Blick, dass dieses für jeden Menschen im sozialen Raum gilt. Ist das Ich gemeint, so ist es auch das Du: dass hinter jedem Menschen in einer alltäglichen Situation ein Mensch mit einer Daseinsberechtigung und Geschichte steht, von der Heng zugunsten ihrer eigenen abstrahiert und die sie nicht mehr bereit ist zu sehen. Menschen, das Du, verschwinden hinter der pauschalisierenden Dominanz von Hengamehs Ich.
Dieser Fakt führt dazu, dass sich kaum noch jemand gemeint fühlt und dabei alle: es resultiert daraus ein Effekt, der sich deutlich in den Debatten widerspiegelt. Die Debatte ist von einer persönlichen Ebene nicht mehr zu trennen. Pauschal fühlen sich alle um Hengameh herum gleichzeitig gemeint und nicht gesehen, also eben doch wieder nicht gemeint. Hengamehs Positionalität wiederum ist nicht zu trennen von ihrer starken Ich-Perspektive, die jeder analytischen Distanz entbehrt. So gibt es keine Ebene der Kommunikation, in den Texten und über sie. Diese erreichen keinerlei analytische Tiefe, keine Ebene der Auseinandersetzung mit etwas, Phrasen legitimiert durch Phrasen: „Wir müssen nichts erklären“, „Wir sind nicht in der Bringschuld“, „Sachlichkeit ist für Lauchs“ und „Ich betreibe Satire, über die weiße Menschen dann heulen, weil sie keinen Spaß verstehen“. Kommentare sind dann, weil schon gar nicht anders erwartet, weil das dialogische Du auch gar nicht gesehen wird, einfach immer nur abwertend, umkonstruktiv, Verteidigung weißer Privilegien einer fehlgeleiteten Linken. Ich verfolge diese Kommentarspaltendebatten und Beiträge seit dem „Fusion“-Artikel von Heng und meine Beobachtung des ganzen ist wie folgt: es gibt ein reges Interesse, sich mit der Thematik auseinandersetzen und darüber diskutieren zu wollen. Es will nicht einfach alles gefressen, sondern hinterfragt und verstanden werden, wobei vermutlich die wenigsten ihre Privilegien, ihre Position in der Gesellschaft oder die zu bekämpfenden Machtstrukturen verneinen würden. Dass es dazu nicht so recht kommt, dass man das Gefühl eines autoritären Duktus nicht wirklich los wird, liegt vielleicht darin, dass Heng in ihrer Position und Positionalität nicht hinterfragt werden will. Was ihre Texte vermitteln, ist das Gesehenwerdenwollen ihres Ichs mit gleichzeitiger Verdunkelung eines jeden anderen Du. Konzepte fressen, vor allem als pauschale Weiße, Almans oder Kartoffeln.
So wird der Diskurs aber nicht funktionieren, so wird sie für diese Theorien kein Verständnis generieren – nicht nur bei Weißen, sondern allen, die ebenfalls gesehen werden wollen, als Menschen – und sich permanent in ihrer eigenen Position verheddern.
Vielleicht sollte Heng mal Buber lesen und die Taz. aufhören, Befindlichkeitskolumnen zu veröffentlichen und zu anspruchsvollem Journalismus zurückkehren.

Wie kann Disney nur?

Gestern veröffentlichte die Taz ganz im Sinne ihrer neuen Qualitätsjournalismus-Richtung einen sog. Artikel zum Film Vaiana, der diesen Monat in den deutschen Kinos anläuft. Schon die Form (fünf kurze Absätze) und die Überschrift sind aussagekräftig für sich – Es soll um das Thema des „Nichtweiße[n] Problemcharakter[s]“ gehen, wie auch immer eine so komplexe Debatte in dieser Kürze auch nur angemessen besprochen sein will. Entsprechend bleibt nach den paar Minuten nur Kopfschütteln.

Zu Beginn lobt die Taz den Einsatz Disneys bei der Konzeption des Filmes. Es wurde sich in der Darstellung um Authentizität und Repräsentation bemüht. Die Hauptcharaktere sind nicht weiß, polynesischen Menschen haben für Charakter eingesprochen – top!

Reicht aber nicht, wie die Autorin offensichtlich darstellen möchte. Ein tongaischer Kulturanthropologe kritisiert die mythologische Darstellung als inkorrekt und simplifizierend, daher – kolonialistische Praxis.

Immerhin, so die Autorin, sei die Hauptfigur aber eine starke, selbstbestimmte Frau – top!

Nun ein paar Gedanken meinerseits dazu. Zum einen stellt sich für mich ganz grundlegend die Frage, wer diese Darstellung ohne irgendeine Einbettung in einen diskursiven Kontext und die damit verbundenen Positionen und Schwierigkeiten nachvollziehbar finden soll. Klar, der Diskurs ist mittlerweile fast omnipräsent, müssen die meisten Taz-Leser gezwungenermaßen bestimmt etwas davon mitbekommen haben. Trotzdem, meistens bleiben dahinterliegende Problematik und Annahmen.. dahinter liegend. Ich weiß nicht, inwiefern das einer Auseinandersetzung zuträglich sein soll.

Wenn ich von dahinterliegende Annahmen und Problematiken rede, meine ich damit Fragen nach einem Kulturbegriff, Vorstellungen von und Erkenntnisse über „Kultur“ und Fragen nach der Produktion von „Kunst“ (ob ein Disneyfilm als „Kunst“ zu bezeichnen ist, sei mal dahingestellt, zur Veranschaulichung lege ich das jetzt aber zugrunde).

Zum Kulturbegriff

Dass Kultur nicht statisch, territorial oder abgegrenzt, nicht essentialistisch ist, ist in der anthropologischen Fachwelt relativ unumstritten. Im übrigen würden gerade auch postkoloniale Wissenschaftler sich vehement gegen den Essentialismus von Kultur und Kulturbegriff wehren. In der Verhandlung von Selbstbestimmungsrechten von indigenen Minderheiten und damit verbundener Retraditionalisierung kommen dann aber Schwierigkeiten auf. Auf welche Kultur wird sich zurückbesonnen, wenn Kultur immer wandelbar und nicht abgegrenzt war und ist? Muss dann nicht doch ein essentialistisches Wesen der Kultur angenommen werden, das mit Bestand nur einer bestimmten Gruppe zu eigen ist? Ich habe mich mal kurz und sehr oberflächlich zu Polynesien belesen. Es handelt sich um ein geographisch recht großes Gebiet mit verschiedenen separaten und zum Teil weit voneinander entfernen Inseln, die allerdings viele ähnliche kulturelle und religiöse Elemente teilen. Dennoch gibt es, ganz im Sinne des oben umrissenen Kulturverständnis, unterschiedliche Ausprägungen in der Entwicklung von Kultur seit der Besiedlung der Insel. Zudem waren weitere kulturelle Einflüsse bei weitem nicht nur jene der europäischen und amerikanischen Kolonisatoren. Heute ist der Größte Teil der Bevölkerung aus dem asiatischen und somit ebenfalls kolonialisierten Raum. Nur nebenbei: macht das für kulturelle Einflüsse und kulturellen Austausch nun einen Unterschied?

Nun wird Disney allerdings vorgeworfen, polynesische Sagen zu „disneyfizieren“, weil die Hauptfigur Vaiana nicht korrekt polynesisch dargestellt ist (Bildbeschreibung). Die Begründung hierfür kommt von Tēvita O. Ka’ili: die polynesische Kultur baue wesentlich auf einem dualistischen Verständnis auf. Der Gott Maui hätte also nicht durch eine einfache Teenagerin, sondern die heroische Göttin Hina kontrastiert werden sollen. Das ist nicht passiert, Sagen wurden also simplifiziert, ihrem Kontext entrissen und sind damit Teil einer kolonialen Praxis. Möglicherweise ist mein Unverständnis über diese Argumentation der Oberflächlichkeit des Taz-Artikels geschuldet, ich frage mich aber, warum diese Geschichte simplifiziert. Auch wenn der Dualismus ein wichtiger Bestandteil ist, so ist es doch genauso die hierarchische Realität zwischen Göttern in Sagen und dem Menschen, der an diese glaubt, sie anbetet und verehrt. Die Geschichte ist reine Fiktion, aber warum sollte nicht auch eine nicht-dualistische Darstellung ebenso „authentisch“ sein, zumal die Hauptfigur doch ganz bestimmt am Ende ihre Insel rettet und so zur Heldin avanciert? Warum hier eine simplifizierende, entwertende Inkorrektheit vorliegen soll, erschließt sich mir nicht.
Auch die Frage der Authentizität ist für mich nicht zielführend. Was an einer Darstellung von Kultur ist also dann authentisch? Das setzt voraus, dass es einen immer einheitlichen Narrativ gibt und in meiner Unwissenheit glaube ich einfach mal, dass das nicht zutrifft. Doch auch wenn, so bleibt doch die Frage: Ist es nur authentisch, wenn es diesen Narrativ schon immer gegeben hat? Macht Wandlung unauthentisch? Es führt in meinen Gedanken doch wieder relativ nah an einen Essentialismus, der eigentlich überholt scheint.
Hier scheint immer wieder die traditionalistische Berufung auf einen vergangenen idealisierten Zustand auf – in sich selbst ein sinnstiftender Narrativ, um sich eine Identität im Ringen und Selbstbestimmung und -behauptung in einer kapitalistischen Welt zu geben. Dass Traditionalismus aber immer auch eine Verklärung bedeutet und nicht immer etwas mit einer „authentischen Realität“ zu tun hat, setze ich hier mal als gegeben. Authentizität bleibt also ein leerer Signifikant.

Zur Frage von Kunst

Auch in der Frage, was Kunst ist und wie sie funktioniert, finde ich Authentizität als Anspruch recht deplatziert. Sind Kunstrichtungen wie Expressionismus oder Surrealismus unauthentisch, weil sie von wahrnehmbaren Formen und Gestalten abstrahieren und diese Verzerren? Worauf ich hinaus will ist, wie nach meinem Verständnis Kunst und Kreativität funktioniert. Kunst kann nur geschaffen werden über die kreative Verarbeitung von dem, was da oder bekannt ist: durch Neuanordnung, Veränderung, Kombination etc. von Bestehendem, zu meist recht redundanten Themen wie Liebe, Leben, Tod, Sinn, etc.
Es gibt demnach nicht die kreative Neuschöpfung aus dem nichts. Die Frage ist also, ist Disney mit der Verwendung, Verarbeitung und eventuellen Veränderung von kulturellen Elementen wirklich ins Fettnäpfchen getreten oder haben sie einfach versucht, Themen in einer Geschichte mit einer gewissen Genauigkeit kreativ zu verarbeiten? Im Übrigen wird doch jedem weißen Menschen, der über die Verschandelung des Märchens als deutsches Traditionskulturgut schimpft, zu recht der Vogel gezeigt. Ich weiß, das greift nicht die koloniale Machtdimension auf, aber hier nur nebenbei: Märchen gibt es z.B. in ähnlicher, aber tendenziell abgewandelter Form in unterschiedlichen Kulturen (und z.B. innerhalb von bestimmten kulturellen Räumen, siehe das Volksmärchen La belle et la bête in zwei unterschiedlichen Erzählungen und mit zig internationalen Adaptionen in andere Medien und Kunstformen).. warum nur? Die These könnte hier sein, dass Disney einfach (ob man das nun gut findet oder nicht) in den Abänderungen neue kulturelle Elemente hinzufügt, die sich über Zeit etablieren und die dann jedes Kind kennt (oder auch nicht). So funktioniert in meinem Verständnis Kultur.

Was uns auch zu der an dieser Stelle zu weit führenden Frage danach bringt, was Kunst darf und was sie nicht darf. Vielleicht hätte Disney einfach keinen Film über eine „nicht-weiße“, „nicht-westliche“ Kultur machen dürfen, weil sie davon eh keine Ahnung haben und sich kulturelles Wissen zur Vermarktung und Gewinnschöpfung aneignen. Wenn man das zu Ende denkt, sollte es aber auch kein Lob mehr dafür geben, dass nicht-weiße Menschen repräsentiert werden, sondern die Nichtrepräsentation wäre dann in diese weiß-dominierten, verwestlichten kapitalistischen Gesellschaft Normalzustand und Minderheiten wären da, wo ihr Platz ist.

Ich übertreibe hier bewusst, um deutlich zu machen, dass diese ganze Debatte um kulturelle Aneignung in Form solch unkonstruktiver Artikel, wie sie momentan en masse auftauchen, meiner Meinung nach Verschleiern. Sie verschleiern nämlich genau die Problematik globaler kapitalistischer Strukturen, die historisch gewachsen und manifestiert Machtverhältnisse erhalten. Worüber also meiner Ansicht nach debattiert werden sollte, ist nicht, ob Vaiana polynesisch inkorrekt oder cool, weil nicht weiß (im übrigen genauso wie Mulan, Jasmin, Pocahontas) ist, sondern über Kapitalismus, seine Geschichte und welche ganz materiellen Konsequenzen er hat: nämlich, dass nicht ein großer, polynesischer Filmkonzern diesen Film gedreht hat, sondern Walt Disney, die davon profitieren. So ganz grob.

Anmerkung: ich benutze die Terminologie weiß und nicht-weiß nicht aus Überzeugung des Konzepts Critical Whitness oder Cultural Appropriation per se, sondern um die Terminologie der Debatte im Kontext meiner Kritik vorzuführen.
Unabhängig davon hab ich meine Privilegien als Weiße gecheckt.

Diskursanalye

Aufgrund meiner aktuellen Genervtheit komme ich doch nicht umhin, mich zum Thema 31.12.15, Übergriffe in Köln, zu äußern, obwohl ich mich eigentlich entschieden hatte, das Thema zu meiden (denn diese vieldiskutierten Themen nerven tendenziell und aus Gründen eben nur).

Dennoch: das so offensichtlich nervige und störende an der gesamten Debatte ist nun mal, wie die Debatte geführt wird, jedenfalls in der großen Breite.
Klar, es wird viel hin- und herdiskutiert, darf man die Vorfälle in Verbindung bringen mit der Debatte um Geflüchtete, sind Menschen aus dem arabischen Raum sexistischer, hat die Polizei versagt, dürfen sich Rechte plötzlich als Frauenrechtler_innen aufspielen usw.

Mir sind dabei einige Punkte aufgefallen:

  1. Die Verweildauer der Debatte bei patriarchal-gesellschaftlichen Missständen war doch recht kurz; dann wurde (ohwunderohwunder) wieder über Männer diskutiert.
  2. Auch wenn es überflüssig zu erwähnen ist: natürlich ist jede emanzipatorische Haltung rechter Spinner nicht ernst zu nehmen; das Frauenbild bei einem Großteil von Neonazis, Hooligans, aber auch Pegida-Spinnern ist sicherlich unbestreitbar unangenehm.
  3. Der gesamte Diskurs (ebenso wie scheinbar die Informationsweitergabe) ist so sehr von einer Angst vor den momentan gesellschaftlich-politischen Verhältnissen und der polarisierten Stimmung geprägt, dass er im Bezug auf den eigentlichen Gegenstand beinahe verunmöglicht wird.
  4. Und obwohl permanent holistisch-pauschalisierende Perspektiven in der Debatte zu meiden versucht werden, besteht doch eine starke Tendenz zu genau solchen problematischen Aussagen und Darstellungsweisen.

Ich halte die beiden letzten Punkte für sehr relevant. Und beide korrelieren auf sehr deprimierende Weise miteinander. Denn Fakt ist, dass eine Diskussion über die eigentliche Problematik (zur Erinnerung: Gewalt gegen Frauen*) in der momentanen Atmosphäre unmöglich ist. Und verunmöglicht wird sie in erster Linie nicht von Menschen, die aufgrund von Angst vor rassistischen Stimmungen gegen bestimmte religiöse oder ethnische Gruppen die Taten relativieren (das passiert als Konsequenz in zweiter Linie), sondern durch gesellschaftliche Gruppen (von mittlerweile nicht mehr zu ignorierender Größe), die diese rassistische Stimmung schüren und eine Reaktion im Diskurs erzwingen. Genau sie verunmöglichen, dass über die Fälle sachlich diskutiert werden kann und notwendige Fragen erörtert werden. So wäre es unter utopischen Bedingungen, in denen man eine rassistische Mob-Stimmung nicht fürchten müsste, selbstverständlich, dass man die Gewalt gegen Frauen als solche thematisiert und verurteilt, dass man auch Fragen nach den ideologischen Problematiken, die sich z.B. aus bestimmten Religionen oder traditionell verhafteten Gesellschaftsbildern ergeben, stellen und diese in Bezug auf die Problemlage (sexuelle) Gewalt und patriarchale Rollenbilder und Strukturen analysieren kann.

Stattdessen wird wiederum eine stark polarisierte Debatte geführt, zwischen Menschen, denen Frauenrechte auf einmal sehr wichtig sind, obwohl aus gleicher Richtung seit Jahren ein „Anti-Gender-Mainstreaming“-Bashing kommt, traditionelle Rollenbilder reproduziert werden und sich auch politisch, obgleich sich lebhaft entwickelnder wissenschaftlicher Diskurse, wenig getan hat. Und Menschen, denen Frauenrechte auch stark wichtig sind, die aber zugleich gegen rassistische Ideologien und deren Vertreter ankämpfen müssen, die die Diskussion vereinnahmen, z.T. schon in vorauseilendem Gehorsam. Fast amüsant mutet an, dass plötzlich Gesetzte verschärft werden sollen, symbolisierend, dass hier, im „guten Rechtsstaat Deutschland“ Sexismus und Gewalt gegen Frauen keinen Boden haben dürfen. Ich wiederhole, was seit Tagen durch alle Social-Media-Netze als Running-Gag geistert: ein Bild vom Oktoberfest mit der Aufschrift: „Sexualisierte Gewalt muss deutsch bleiben“ (1). Es verdeutlicht die gesamte Absurdität, denn ich wiederhole erneut schon bekanntes: ja, sexuelle Gewalt gegen Frauen (gerade bei Großveranstaltungen im öffentlichen Raum) existiert als Problem seit Jahr und Tag, es hat bislang nur niemanden gekümmert. Ich möchte nicht missverstanden werden, keinesfalls will ich die traumatischen Erfahrungen, die Frauen erleben mussten, relativieren.
Doch genau hier sehe ich eine weitere Problematik im Diskurs auftauchen, die sich aus Angst vor einer weiteren (klingt dramatisch; anyway) Manifestation der rassistischen (euphemistisch ausgedrückt) Ressentiment und der „Sorge“ bestimmter Bürger_innen ergibt. Im unangenehm auferlegten Zwang das Gefühl zu haben, nun Geflüchtete in Schutz zu nehmen, da man ja nicht von wenigen auf alle schließen könne, folgen zwei problematische Tendenzen: die Gefahr, das erfahrene Leid der Opfer zu relativieren und in genauso pauschalisierender Weise alle Geflüchteten argumentativ in Schutz zu nehmen (was einer gewissen Notwenigkeit offensichtlich nicht entbehrt, aber problematisch sein kann; nicht umsonst äußern sich enttäuschte Stimmen deutscher Mitbürger_innen, man habe doch so viel für die Geflüchteten getan und nun hätte man Angst und Wut. Klar, wer naiv angenommen hat, jede_r Geflüchtete sei ein ganz toller Mensch und nicht eventuell eine Person, gegen deren Einstellungen man ankämpfen muss – siehe ein Großteil der Menschheit -, der ist zu Recht enttäuscht.).

Dafür zwei Beispiele:

Nachdem klar war, dass unter den Männern auch Geflüchtete waren, fühlte sich eine Frau, Regina Schleheck, die ebenfalls in Köln am Hauptbahnhof war, genötigt, ihre Erfahrungen denen der Opfer gegenüberzustellen. Was sicherlich in guter Absicht im Hinblick auf ein Fürsprechen für eine differenzierte Diskussion in Bezug auf Geflüchtete geschah, löste einen Shitstorm aus, weil es den relativierenden Beigeschmack nicht so recht loswerden konnte. Dass es überhaupt notwendig ist, den Erlebnissen positive gegenüberzustellen und sie nicht als solche stehen lassen zu können, verdeutlich die Tragik und ganz reale Schwierigkeit im Diskurs. (2)

Zweitens werden nun verstärkt die Stimmen anderer Geflüchteter laut und in der Debatte platziert, die sich vehement von den Taten ihrer „Landsmänner“ oder „Schicksalsgenossen“ distanzieren und empören. Was auch hier in guter Absicht geschieht, nämlich deutlich zu machen „Hallo, wir sind nicht alle so, habt keine Angst vor uns“, sollte ebenfalls nicht notwendig sein und ist es nur, weil sich die Debatte überhaupt erst unnötigerweise auf die gesamte Geflüchtetenproblematik verschoben hat. In dem Zwang, sich von den Taten abgrenzen zu müssen, wird blöderweise genau diese holistische Vorstellung reproduziert, gegen die alle so vehement versuchen anzukämpfen. Warum zur Hölle ist es überhaupt nötig, dass sich syrische (usw.) Männer bei den Opfern entschuldigen müssen? Was läge näher an dem Gedanken einer Kollektivschuld, der doch offensichtlich absurd ist? (3)

Auch hier, um es klarzustellen: nichts einzuwenden gegen Mitgefühl und Solidarität, die geäußert werden und auch die Tatsache, dass Geflüchtete selbst zu Wort kommen, ist richtig und wichtig; dennoch, im Sinne der Analyse einen Diskurses muss auch die Art und Weise wie und der Kontext in dem das geschieht, problematisierend betrachtet werden.

 

(1)https://www.facebook.com/jogspace/photos/a.268971003122219.68864.258829484136371/1126271334058844/?type=3&theater

(2) http://www1.wdr.de/themen/aktuell/interview-facebook-shitstorm-100.html

(3) https://krautreporter.de/1242–was-fluchtlinge-uber-koln-denken

Warum habt ihr und ich Zeit für diese irrelevanten Debatten?

Zuletzt hat Jan Böhmermann mit einem offenbar sehr provokanten Rap-Track die Feuilletondebatte befeuert. Warum gerade dieser Track so viel Aufsehen erregt, ist sicherlich nur damit zu erklären, dass einem sogenannten Biodeutschen von anderen sogenannten Biodeutschen vorgeworfen wird, sich klassizistisch zu verhalten, weil er den Sprachhabitus eines Haftbefehl, der exemplarisch für die deutsche (Rap-)Unterschicht steht, parodiert. Als ich zuletzt nachgeschaut hat, war ich auch „deutsch“, „weiß“ und „privilegiert“, aber hat eigentlich schon mal jemand diese sogenannte migrantische Unterschicht, der eine „Kanackensprache“ zugeschrieben wird, gefragt, ob sie diese Kritik eigentlich auch formulieren? Oder interessiert das in der irrelevanten bildungsbürgerlichen Debatte eigentlich gar nicht?

Ich habe das Gefühl, der Debatte liegt ein Missverständnis zu Grunde. Der deutsche Rap ist kein Unterschichtenrap, allenfalls lehnt er sich an stilistische Elemente der amerikanischen Rapkultur an und bringt bestimmte soziale Momente, zum Beispiel einen Sprachhabitus, selbst hervor. So gesehen, kann man die Kritik auch an eine Szene richten, die sich in dieser Form inszeniert.
Darüber hinaus ist in der Rapsubkultur der politisch korrekte Diss nicht eben charakteristisch, warum also gerade in diesem speziellen Fall die Hölle losbricht, erschließt sich mir nicht. So vielfältig die Mainstream-Rapszene ist, so sehr sind u.a. sexistische, homophobe und gewaltverherrlichende Inhalte Teil davon. Wieso also muss man sich dermaßen auf diese Böhmermann-Bagatelle einschießen, während erwähnter Rest als „Mainstream-Verständnis“ meist umkommentiert hingenommen wird? Weil es ja die soziale Unterschicht ist und – naja – die wissen es ja nicht besser, also dürfen sie das?
Ja, Böhmermann ist sozial privilegiert (nebenbei, auch Haftbefehls Konto ist sicherlich nicht leer), aber das ist nicht der Gegenstand der Kritik, sondern umgedreht sogar Teil seiner Darstellung, in der er in seiner privilegierten Position ja die Realität abbildet. Die Kritik des Tracks liegt in der Kritik an Polizeipraxen, in der er das Bild der Polizei als mächtige „Gang“ aufruft und sich dabei rapstilistischer Mittel bedient. Warum auch nicht.
Dass die Diskussion, die von einem Haufen ebenfalls privilegierter Menschen fadenscheinig geführt wird, sich allein um die Frage des Klassizismus dreht, ist auf bezeichnende Weise traurig. Anstatt dass bestenfalls noch diskutiert wird, worum es in dem Lied inhaltlich wirklich geht, nämlich die Problematik von Polizeipraxis und Polizeigewalt, sowie um ein institutionalisiertes Gewaltmonopol in der Hand der Polizei, wird eine völlig unnötige Diskussion über privilegierte Überheblichkeit und Rezeptionsschwierigkeiten aufgemacht. Dabei birgt die Rezeption als solche in sich immer einen Freiraum, der sich aus der Kluft zwischen Künstler*In und Rezipient*In ergeben muss. Vieles kann eben so gemeint sein, oder so und fünfmal anders verstanden werden.

Ein deutsches Sommermärchen: Boom Boom

Die Frage ist nicht, ob und wann das Boot voll ist. Die Frage, die man stellen sollte, ist, wann das Fass überläuft und wir es nicht mehr mit friedfertigem Palaver verschließen können.
Ein Gastbeitrag:

Jetzt leb‘ ich mit Barbaren, die tun was die Bildzeitung ihn‘ sagt
Ihr Partypatrioten
Seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuz-Idioten
Die geh’n halt noch selber ein paar Ausländer töten
Anstatt jemand‘ zu bezahl’n, um sie vom Schlauchboot zu treten
Die Welt zu Gast bei Freunden und so
Du und dein Boss ham nix gemeinsam bis auf das Deutschlandtrikot
Ich hab noch nie so treue Sklaven gesehen
Die bereit sind für mehr Arbeit auf die Straße zu gehen

K.I.Z. Boom Boom

Während die sächsische Polizei in Heidenau total überfordert versucht hat, ankommende Flüchtlinge und deren zukünftige Sammelunterkunft (nebenbei handelt es sich dabei um einen „komfortablen“, leerstehenden Baumarkt) vor Neonazis und Heidenauer Bürgern zu schützen, indem sie Gasgranaten, Pfefferspray, Schlagstöcke und Schilder einsetzte, wehrten die mazedonische Polizei und Armee an der Grenze zu Griechenland wiederum gewaltsam Flüchtlinge ab, welche zu Tausenden über die Grenze wollten, um Mazedonien als Transitland nach Mittel- und Westeuropa zu durchqueren. In beiden Fällen war die Polizei überfordert, in Mazedonien ließ sie die Flüchtlinge schließlich doch die Grenze überqueren, und im sächsischen Heidenau spielten sich zwei Tage lang, am Jahrestag der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, ähnliche Szenen ab. Randalierende Neonazis und Rassistenbürger brachten die Stadt, wie Rostock-Lichtenhangen 1993, in einen Ausnahmezustand. Wieder erklangen „Deutschland den Deutschen, Ausländer Raus!“-Rufe. Antifaschistische Menschen wurden unter Polizei-Schutz aus der Stadt begleitet, weil es zu gefährlich war, und wurden dabei mit Steinen und Böllern angegriffen, ebenso wie die Polizei. Auch eine Journalistin des Deutschland-Funks verließen Heidenau weil es ihr die Lage zu gefährlich war. Die Polizei ließ, wie schon bei Rostock-Lichtenhagen, die Neonazis bis zu einem gewissen Grade gewähren. Nicht zuletzt deshalb, weil diese sich in einem Heimspiel befanden. Heidenau, am Rande von Dresden und Pirna, in der Region Sächsische Schweiz, ist schon seit gut zwei Jahrzehnten eine Hochburg von Neonazis und rassistischen Bürgern. Die NPD hatte dort bei der letzten Landtagswahl 2014 ein Ergebnis von 8,7% und bei der Stadtratswahl 2014 wurde sie vor der SPD und den Grünen viertstärkste Partei mit 1246 Gesamtstimmen. Neben dem hohen Stimmenanteil für eine eindeutig rassistische, sich am Nationalsozialismus orientierende Partei kann man noch getrost Stimmen für die AfD bei der Landtagswahl und CDU dazurechnen, wenn der Parameter lautet, dass man etwas gegen Asylbewerber und Flüchtlingen hat und dagegen einen harten politischen Kurs sehen möchte. Mit diesen Zahlen und Annahmen kann man dann getrost zu der Schlussfolgerung kommen, dass Heidenau nicht gerade der Ort ist, wo Flüchtlinge willkommen geheißen werden oder ihnen auch nur ein irgendwie halbwegs akzeptables tolerantes Klima entgegenkommen wird. Heidenau ist da nicht groß anders als Freital (Proteste gegen die Unterbringung von Flüchtlingen seit Anfang 2015) oder Schneeberg (Proteste gegen die Unterbringung von Flüchtlingen Ende 2013). Jedoch sind Flüchtlinge in vielen Orten überall in Deutschland nicht willkommen. Kaum ein Tag vergeht ohne die Meldung eines Brandanschlages auf zumeist zukünftige Asylbewerberunterkünfte. Flüchtlinge sind nicht nur vielen Menschen in Deutschland ein Ärgernis, welche auf irgendeine Weise um ihre Arbeit, ihr Leben, ihre Frauen, ihre Kinder, die Sauberkeit der Stadt, ihren nächsten Diskobesuch fürchten, sondern auch dem Staat sind sie ein Dorn im Auge. Der ARD-Journalist Stefan Buch formuliert es in einem Interview im Deutschland Funk zu seinem neuen Buch „Die neuen Staatsfeinde – Wie die Helfer syrischer Kriegsflüchtlinge in Deutschland kriminalisiert werden“ (2014) wie folgt:

weil der deutsche Staat, das Bundesinnenministerium und ihm untergeordnete Behörden, die illegale Migration – das ist der Begriff, mit dem dort operiert wird – in einer Art und Weise bekämpfen, die erkennen lässt, dass der Staat Einwanderung als eine Staatsgefährdung betrachtet. Wenn also aus Sicht des Staates zu viele fremde Menschen nach Deutschland kommen, dann gefährdet das unseren Staat. Das ist die Sicht, die die Politik geprägt hat und immer noch prägt, und als politische Antwort hat man die Grenzen versucht, dicht zu machen, so weit es geht, die außereuropäischen Grenzen zunächst einmal.1

Also, während in Heidenau die Neonazis und Rassisten gebändigt werden sollen, weil diese „Minderheit“ nach der Meinung von Ministerpräsident Tillich „brutal gegen Werte und Gesetze Deutschlands“2 verstößt, schlagen in Mazedonien Polizisten Flüchtlinge brutal zurück, damit sie die Grenze nicht überqueren, entstehen in Ungarn riesige Grenzzäune, wie sie schon in Griechenland und Spanien mit Stacheldraht existieren und wird die Flüchtlingsabwehr in Europa immer weiter ausgebaut, und zwar eben auch auf Grundlage genau dieser „Werte und Gesetze Deutschland(s)“. So wie Tillich ankündigt, mit aller Macht der Polizei und Strafbehörden und öffentlicher Appelle gegen den Mob von Heidenau vorzugehen, so gehen Deutschland und die anderen europäischen Staaten zunehmend mit aller Macht der Polizeiapparate, des Militärs und in Deutschland vor allem auch den Strafbehörden gegen die Flüchtlinge vor. Das neueste Asylverschärfungsgesetz positioniert die Strafbehörden noch stärker gegenüber Asylbewerbern. Der Staat signalisiert deutlich, wer der Souverän ist und wer die Macht und Gewalt besitzt. Er führt die Gewalt aus und wem das noch zu wenig ist, wie dem Pöbel in Heidenau oder im Internet, der kann versuchen, den Staat unter Druck zu setzen und das Thema Asyl und Flucht ist eines der Themen, wo dies auch immer wieder gelang, jedoch nur so lange der Betrieb nicht allzu stark beeinträchtigt wird. Es ist so wie K.I.Z es treffend schreiben:

Ihr Partypatrioten/ seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuz-Idioten/ Die geh’n halt noch selber ein paar Ausländer töten/ Anstatt jemand zu bezahl’n, um sie vom Schlauchboot zu treten.

Und es sind nicht wenige dieser Partypatrioten, welche es lustig fanden, als die deutsche Fußballmanschaft sich über die Argentinier in Dorfpartyniveau lustig machten, die über Heidenau entsetzt sind und gleichzeitig zumeist grundlegend die deutsch-europäische Abschottungspolitik befürworten.

Diese Doppelmoral wird getragen von solchen Menschen, welche sich den Pazifismus, friedliche Konfliktlösung und die deutsche Demokratie auf die Fahnen geschrieben haben und jeden Extremismus ablehnen und sei es auch die extremistische Haltung gegen menschenfeindliche Einstellungen, welche die immanente Gewalt dieser Gesellschaftsordnung an andere delegieren. Sie appellieren an die Werte dieser Gesellschaft, wie der Menschenwürde und Menschlichkeit, Freiheit und Gerechtigkeit und auch an ein gewisses Maß an Solidarität. So formulierte Merkel bei ihrem Besuch in Heidenau:

»keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen«. Die Würde jedes Einzelnen zu achten, gehöre zum Selbstverständnis Deutschlands. »Wir sind entschlossen und stehen zusammen.«3

Gleichzeitig fangen diese Leuten an, fein differenziert zu diskutieren, ab wann ein Flüchtling ein legitimer wäre oder nicht. Ob Kriegsflüchtling oder Wirtschaftsflüchtling, wie stark man diskriminiert werden muss, um aufgenommen zu werden und schließlich beenden sie ihre Weisheitsausführungen mit dem profanen Hinweis, dass man etwas in den Herkunftsländern ändern müsse bzw. in der arroganteren Version, dass die dortigen Gesellschaften sich doch mal in den Griff bekommen sollten. So wie Frau Merkel im Angesicht eines geflüchteten Mädchens in einer Rostocker Schule, welche ihr Anliegen anbrachte, dass sie doch Studieren wolle und ihre Familie kurz vor der Abschiebung stehe, beteuerte, dass man in Zukunft darauf achten würde, dass die Geflüchteten oder Eingewanderten gar nicht erst so gut integriert werden sollen, sondern schneller abgeschoben werden müssen, es sei denn, sie würden das Asyl in Deutschland nach bestimmten Kriterien verdienen. Wie z.B. die syrischen Flüchtlinge, für die nun endlich nach 4 Jahren Bürgerkrieg und Flucht das Dublin II-Abkommen in Deutschland ausgesetzt wurde. Das also ist „keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen infrage stellen“. Dabei ist es weniger Merkel, der ihre Antwort vorzuwerfen ist, denn sie bringt nur korrekt das funktionale Nationalstaatssystem zum Ausdruck. In diesem ist die Menschenwürde relativ und äußert sich dann in solch pragmatischen Lösungen zur Einhaltung der Menschenwürde, dass Flüchtlinge nun nicht mehr bis zu 3 Jahren in Asylunterkünften untergebracht werden, sondern dass sie hoffen können, innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten zurück in ihr altes Elend geschickt zu werden.

Doch über Heidenau, PEGIDA, AfD, NPD, Islamismus, Flucht und Flüchtlingstragödien bzw. die aktuellen weltweiten Fluchtproblematik lässt sich nicht wirklich reden, wenn man über den Kapitalismus schweigt. Wie schon der Sozialwissenschaftler Max Horkheimer es nach dem Nationalsozialismus formulierte:

Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

Der Kongo befindet sich in einem Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg, bei dem es um den Zugang zu Rohstoffen geht, welche vor allem für die technisch hochentwickelten Länder Europas, Nordamerikas und Asien wichtig sind. Überhaupt spielt es für den Wohlstand und den Friedenszustand von Gesellschaften einen bedeutsame Rolle, welche Position sie innerhalb der weltweiten kapitalistischen Arbeitsteilung einnehmen. Afrika als Rohstofflieferant und Tourismuskontinent verbleibt in seiner Armut. Die gesellschaftliche Produktivkraft ist weltweit so stark, dass ein Großteil der Menschen nicht gebraucht werden, also unproduktiv gegenüber den technischen Potentialen sind. Menschen sind oft nur noch produktiv, wenn sie in fast sklavenähnlichen Zuständen arbeiten, wie auf den Teeplantagen von Nestle in Afrika, in den Textilfabriken von Südostasien oder den Baustellen der Hotels auf der der arabischen Halbinsel. Und selbst da sind noch große Teile schlichtweg überflüssig und suchen deshalb ihr Glück in den Weltregionen, welche das Glück hatten, die Kapitalisierung der Gesellschaft im letzten Jahrhundert schon vollzogen zu haben. Und wie diese in Europa abgelaufen ist, kann man sich am Armutsexodus des 19. und 20. Jh. in den USA anschauen oder an den Hungertoten, den Maschinenstürmern und Weberaufständen, etc. bzw. weltweit an den Opfern der nachholenden Industrialisierungen und Modernisierungen in der Sowjetunion und Volksrepublik China. Von daher erscheint es verwunderlich, wenn die Ministerpräsidentin von Niedersachen, Hannelore Kraft, in einem Interview sagt:

Also alle haben nicht damit gerechnet, dass es noch mal eine so große Zuwanderungsbewegung geben wird. Und das ist jetzt der Fall, und die Zahlen steigen immer noch kontinuierlich.4

Nachdem sich die Länder Afrikas und Asiens aus den kolonialen und imperialen Gefügen befreit hatten, verblieben sie im Rahmen des kalten Krieges jedoch in einem ähnlichen Zustand. Vor allem bekamen sie nicht den industriell-technologischen Anschluss, sondern wurden mit der, nicht selten durch den IWF vorangetriebenen, radikalen Öffnung für den Markt zum reinen Billigrohstofflieferanten, der zumeist die einheimischen Nahrungsmittelproduktionsformen vernichtete, statt sie zu modernisieren, da diese gegenüber Europa und den USA zu unproduktiv waren und eine Produktivmachung sich nicht gelohnt hätte, außer eben für Exportwaren. Aber diese werden eben durch radikale Ausbeutungsformen abgeschöpft. Von dort kommen aber die Flüchtlinge, welche hier zumeist als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet werden und die man am liebsten gleich zurückschickt, um ihre Menschenwürde zu wahren. Nicht selten kommen sie dort aus Ländern, welche autoritär regiert werden und wo im inneren gewaltsame Konflikte existieren, bei denen wir in Europa schnell mal durcheinander kommen. Und dass die Ministerpräsidentin nach 4 Jahren Bürgerkrieg in Syrien und Krieg im Irak und einem instabilen Afghanistan und Pakistan erstaunt ist, dass immer mehr nach Europa bzw. Deutschland kommen oder dass die wenigsten Geflüchteten z.B. im ökonomisch und sozial brach liegenden Griechenland bleiben wollen, erscheint dann doch stark naiv. Auf einmal ist Deutschland überfordert, all die studierten und gelehrten Personen in den Ministerien und Denkschulen hatten gehofft, dass die Außengrenzen abgeschottet genug sind. Und auch bei diesen Ländern und Konflikten im Nahen Osten wäre ein Blick auf die geschichtliche Entwicklung, auf den Zusammenhang mit Kapitalismus und dem Islamismus als moderne (anti-) kapitalistische Krisenbewegung und der Weltwirtschaftskrise interessant.

Genauso wenig ist Heidenau eigentlich überraschend, wenn es auch zugleich überrascht. Man hofft immer noch, dass die Neonazis und Rassisten aufgrund des öffentlichen Diskurses und dem immer angemahnten harten Durchgreifen doch nicht ganz ausflippen, aber der NSU und vor allem die Asylproteste der letzten Jahre, die immer mit Beteiligung der Bevölkerung abgelaufen sind, und der Erfolg der AfD und PEGIDA haben ihnen Auftrieb gegeben. Aus dieser Sicht ist Heidenau durchaus nicht verwunderlich, wenn auch erschreckend. Da hilft es auch nicht, wenn Bundespräsident Gauck an die Deutschen appelliert, an die „eigene“ Geschichte zu denken und dass man ja auch viele Geflüchtete nach dem Krieg hatte, denn die Gesellschaft denkt in nationalen Kategorien und diese erzeugen bei solchen Betrachtungen notwendigerweise Unterschiede. Es ist auch interessant, dass Gauck sich auf die deutschen Flüchtlinge bezieht, welche ihre Länder, vor allem in Osteuropa, verlassen mussten, nachdem ihr Traum vom tausendjährigen deutschen Großreich ausgeträumt war und nicht auf diejenigen Deutschen, welche von einem Großteil der Bevölkerung, zumindest toleriert, ab den 30er-Jahren als undeutsch deklariert und zur Flucht gezwungen oder gar der Vernichtung freigegeben wurden.

Tja, auch Sigmar Gabriel unterscheidet zwischen deutsch und undeutsch, wenn er sagt „In Wahrheit sind es die undeutschesten Typen“, nur dass es nun die Neonazis sind, welche undeutsch sind. Und den anderen, die der Gemeinschaft der guten Deutschen zugehörig sind, wichtig ist, dass man sich halt beruhigt wieder mit Deutschland identifizieren kann, egal ob sich hinter der Unterscheidung zwischen Gabriels Deutsch und Undeutsch nur die Feststellung von K.I.Z. Verbirgt.5

Ihr Partypatrioten/ Seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuz-Idioten./ Die geh’n halt noch selber ein paar Ausländer töten/ Anstatt jemand zu bezahl’n, um sie vom Schlauchboot zu treten.

Wir brauchen keinen neuen Aufstand der Anständigen wie es Anja Rechscke in ihrem Kommentar zu Flüchtlingsprotesten gefordert hat, oder wie Sigmar Gabriel dagegen meinte, dass die Institutionen mehr gefordert sind, es benötigt eigentlich ein grundlegendes gesellschaftliches Umdenken und Umorganisieren, sonst verbleibt man in Abwehrkämpfen. Und solche werden zunehmen mit der Verschärfung der sozialen Gesamtsituationen, wie es sich in der europaweiten Stärkung der Rechten zeigt. Dabei gilt es nicht, MIT PEGIDA und Co. umzudenken, sondern nur konsequent gegen sie. Bis dahin gilt konsequentes Handeln gegen Rassisten und Neonazis oder funktionale Institutionen, denen der Mensch egal ist.

Oder wie Woody Allen treffend die Problematik zwischen Theorie, dem Streben nach der großen Veränderung und den notwendigen kleinen Handlungen des Alltags treffend zugespitzt formuliert hat, bezogen auf die Thematik des Antisemitismus, aber verallgemeinerbar:

Zwei New Yorker Intellektuelle beim Small Talk während einer Party. Sagt der eine zum anderen: »Du, ich habe letztens einen Essay geschrieben, gegen den Antisemitismus.«
– »So? Wie schön! Ich bevorzuge Baseballschläger.« 

Woody Allen

Zumindest sollte man es jedoch mit dem dritten Bundespräsidenten Gustav Heinemann halten, der im Gegensatz zu Gauck noch kluge Sachen sagen konnte:

„Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ (Auf die Frage, ob er diesen Staat Deutschland denn nicht liebe.)6

Empfehlenswert ist dazu auch dieser alte Zeit-Artikel aus dem Jahr 1994:
http://www.zeit.de/1994/34/nazis-haben-hier-nichts-zu-suchen/komplettansicht

5 http://www.mdr.de/sachsen/gabriel-besucht-heidenau100_zc-f1f179a7_zs-9f2fcd56.html

6 Zitiert von Hermann Schreiber in DER SPIEGEL, 13. Januar 1969, zitiert aus: https://de.wikiquote.org/wiki/Gustav_Heinemann

Blogroll

Heute mal zum Thema Blogs: Blogs gibt es mittlerweile ganz schön viele und man bekommt das Gefühl, jede_r fühlt sich berufen, sich über Blogs mitzuteilen (so wie ich letztendlich auch). Bezeichnenderweise sind die meisten Blogs ziemlich gleich und langweilig. Das mag an dem Umstand liegen, dass zwar jede_r das Gefühl hat, etwas zu sagen zu haben – nur eben leider alle das gleiche. Und wen wundert das auch? Die einschlägigen Themen, die Menschen beschäftigen, sind nun mal sehr universal: Glück, Liebe, Freiheit, naja und im besten Fall noch das aktuelle politische bzw. gesellschaftliche Geschehen. Es ist ein bisschen wie in Kasacks Roman Die Stadt hinter dem Strom, einer Zwischenwelt zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten, in der in einem Archiv die Werke der Menschheit gesammelt werden, dabei aber immer nur das Original archiviert wird, da sich die Geschichten eigentlich permanent wiederholen. Ziemlich logisch, wenn man annimmt, dass Kunst immer eine Form der Reproduktion von schon Bekanntem ist.
Es ist nicht grundlegend verkehrt, dass Menschen sich über das Format des Blogs im Internet artikulieren und ihre Gedanken teilen können. Im besten Sinne kann man es als eine durchaus demokratische Entwicklung in einer hochtechnisierten Welt verstehen, in der viele diese Möglichkeit nutzen, um Themen zu platzieren, zu bearbeiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und eine – mehr oder weniger große – Öffentlichkeit partizipieren zu lassen. Und wie verschiedene der sozialen Medien bieten auch sie das Potenzial einer alternativen Informationsvermittlung (und natürlich auch die gleichen „Risiken“).
Die meisten Blogs sind aber eher öffentliche Tagebücher von Alltagssituationen und -gedanken der Autor_innen. Diese stellen sich auf sehr ähnliche Weise dar: denken, fühlen, schreiben. Die Inszenierung ist meistens die gleiche, nach dem Motto: ich habe schon immer gerne geschrieben, ich kann mich über das Schreiben besser ausdrücken als im direkten Gespräch.

Und da stellt sich doch die Frage: Wenn so viele Leute so gerne denken, warum ist die Welt dann trotzdem so scheiße? 

Beim lesen dieser Blogs fällt auf, dass sich die Beiträge (wie oben schon angedeutet), meistens immer um genau das gleiche drehen: wie wir alle glücklich werden und was wir dafür tun müssen, wie schön die Welt doch eigentlich ist, wie toll die Reisen ins Ausland waren, dass man dabei so frei ist usw.
Dabei sind diese Beiträge oft überromantisierend, haben für alles einfache Antworten und Lösungen und sind darüber hinaus erstaunlich wenig selbstreflexiv. Geschweige denn, dass sie in größere Kontexte eingebunden werden.

Und daraus ergibt sich wohl auch die Antwort auf die oben gestellte Frage: wenn das Denken nicht über den Tellerrand der eigenen Erfahrungswelt hinausreicht, das eigene Dasein vom Denken im reflektierenden Sinne ausgenommen wird und trotzdem eine nahezu allgemeingültige Aussage formuliert wird, dreht sich dieses „Denken“ doch nur im Kreis.
Das betrifft ganz allgemein die Widersprüchlichkeit des Schreibens – für wen schreibt man, warum schreibt man, über was schreibt man überhaupt – in der postmodernen Welt voller Individuen, die sich als solche stark hervorbringen und dementsprechend natürlich Anspruch auf einen individuelle Erfahrungswelt stellen. Die soll ihnen auch nicht abgesprochen werden.
Was in den Blogs aber nie thematisiert wird, ist, dass diese Erfahrungen nichts neues sind – Reiseberichte auf die ein oder andere Art gab es schon immer und entsprechende Blogs fügen sich haargenau in die romantische Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts ein. Individuelle Erfahrungen werden dabei als etwas Außergewöhnliches und Besonderes, als etwas Prägendes hervorgebracht. Darüber, dass eine Reise nur einen temporären Ausbruch aus der schnöden Alltagswelt darstellt und meistens keine langfristige Nachwirkung mit sich bringt, wird ebenso wenig geschrieben wie über die generelle Möglichkeit zu reisen, die nicht allen gegeben ist. Was direkt zum nächsten Punkt führt: der Frage nach der Freiheit. Denn was diese Freiheit genau meint, wird ebenso wenig thematisiert. Wenn wir beim Beispiel reisen verbleiben, würde dies zwangsläufig die Schlussfolgerung nahelegen, dass man sich diese Freiheit leisten können muss. Kann nicht jede_r. Problematisch. Nächster Punkt: eine Reise ist ein Konsumobjekt, es gibt Anbietende, die Geld sehen wollen und Nachfragende, die es zahlen. Dafür haben sie vorher gearbeitet und vielleicht arbeiten sie dafür danach. Diese sogenannte „Freiheit“ verbleibt also in Systemzwängen und eigentlich gelingt es auch kaum jemandem, sie mitzunehmen und in den Alltag zu integrieren. Was ist das also für eine Freiheit, die metaphorische sieben Tage währt und vorher und nachher von Zwang eingebettet ist?
Gleiches gilt für die Vorstellung von etwas wie „Leichtigkeit“ und „Glück“. Liebe Blogger_innen, es ist schön, wenn ihr denkt, man müsse die Leichtigkeit nur mal wieder zulassen.
In eurer so stark hervorgebrachten individuellen Erfahrung wird allerdings manchmal vergessen, was für Privilegien diese Vorstellungen eigentlich sind. Wenn schon solchen Wert darauf gelegt wird, sollte man es doch auch mal genau so und realistisch betrachten. Entspannt in einem großen Garten zurücklehnen kann ich mich, weil meine gesellschaftliche Position das zulässt. Wenn ihr so gerne denkt, reflektiert das doch mal.

Es bleibt also die Frage im Raum stehen, die man sich beim Verfassen von Texten jedes mal stellt: was habe ich in einer Welt, in der alles schon gesagt ist, eigentlich noch hinzuzufügen? Um es mal in aller Klarheit zu formulieren: nichts mit großem Erkenntnisgewinn.

Also doch lieber gar nichts schreiben? Der Widerspruch ist wie so oft nicht so recht aufzulösen.
Die Möglichkeit, die ich im Schreiben von Blogeinträgen sehe, ist, bestimmte thematische Akzente zu setzen, aktuelle Thematiken aufzugreifen, reflexive Momente in Bezug auf die gesellschaftlichen Umstände und auf die eigene Position in diesen zu teilen und das ganze zur Diskussion zu stellen.
Auch dann ist das Bloggen nicht frei von der Problematik der fortwährenden Reproduktion immer gleicher Themen. Trotzdem bietet sich wenigstens die Chance neuer Erkenntnisgewinne, sodass das Denken hoffentlich mal dazu dienen kann, dass es nicht mehr ganz so scheiße aussieht.
Das passiert allerdings nicht über heiteitei Reise- und Glücksbärchiblogs bzw. über einfache Wahrheiten und Lösungen – die Welt ist nun mal etwas komplexer – und ganz ehrlich: langweilt ihr euch dabei nicht selber?
Lest doch stattdessen mal Kasack.

Hier ein paar nette Beispiele zum Selbst ein Bild machen (oder einfach mal durch die endlose Blogwelt rollen)
https://jungegedanken.wordpress.com
https://mipigsalaechopf.wordpress.com/2015/06/17/verbogene-traume/
https://aschenputtelvisionen.wordpress.com/2015/06/13/ein-quantum-gluck/

Die repräsentative Demokratie hat sich wirklich ganz schön in die Scheiße geritten. Entweder die Menschen sind, was dann gemeinhin als „politikverdrossen“ postuliert wird oder aber sie formieren sich zum unzufriedenen Mob, der seine Bedürfnisse nicht mehr angemessen erfüllt sieht. Dieser Mob ruft laut nach mehr direkter Demokratie, mehr Mitbestimmung der Bürger_innen, über deren Köpfe hinweg die unfähigen Mächtigen entscheiden. Vor allem über soziale Netzwerke zusammengerauft und artikuliert, hat er damit einen Punkt. Denn es IST problematisch, wenn nicht sogar völlig beschissen, dass gewählte Vertreter_innen ihrer repräsentativen Aufgaben zunehmend nicht nachkommen. Wahlkampfversprechen werden leider nur noch selten eingehalten und die Formen der Interessenartikulation, die den Bürger_innen im demokratischen System zur Verfügung stehen, haben eine sehr begrenzte Wirkmächtigkeit. Denn nicht Massenproteste, ja nicht mal absolut antidemokratische Menschenrechtsverletzungen, die enorme mediale Aufmerksamkeit genießen, zwingen noch zu Handlungen und Konsequenzen. Traurig aber wahr wird, wofür dieses exemplarisch steht:

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Ja, direkte Demokratie wäre ganz toll, aber nein, bitte nicht mit solchen Bürger_innen. Und genau dort zeigt sich ein Problem. Wir leben qua Definition in einer Demokratie, die Strukturen deuten so etwas an. De facto lässt dich aber in Frage stellen, ob wir in einer demokratisierten Gesellschaft leben. Wie internalisiert kann ein demokratisches Verständnis von Menschen sein, die in einem Atemzug demokratische Werte einfordern und andere verletzen. Warte, da klopft doch eine mögliche Antwort an: Direkte Demokratie, ja, bitte, aber allenfalls für diejenigen, die dank Blutstatus legitimiert sind. Also Deutsche.
Ja, die direkte Demokratie ist keine Option in einer Gesellschaft, die es nicht schafft, die Bürger_innen demokratisch zu erziehen. Und wichtiger noch: sie funktioniert nicht im Kapitalismus.
Kapitalismus, das steht für Konkurrenz, einer gegen alle anderen im Wettbewerb, soziale Ungleichheit, Unsicherheit und Angst. Kapitalismus bewirkt, dass Mario E. Asylunterkünfte brennen sehen will, damit diese Mächtigen da oben begreifen. Und was begreifen? Dass es irgendwelchen „Deutschen“ scheiße geht. Hundert prozentig. Dass die Geflüchteten daran Schuld tragen? Wohl nicht. Danke Kapitalismus, dass sich nicht ein armes Schwein mit dem andern solidarisieren mag, sondern ihm lediglich neidet und sich jemanden sucht, der noch ärmer dran ist. Nach unten treten macht ja auch Spaß und ist viel weniger anstrengend, als sich zu fragen, woran es liegt, dass Politiker_innen partout nicht Politik zugunsten „ihrer Bevölkerung“ betreiben wollen.
Kapitalismus bewirkt auch, dass diese verdammte Entsolidarisierung schon in der Schulzeit beginnt. Schule als Bildungseinrichtung dient nicht dem Zweck, vernunftbegabte, demokratische Bürger_innen zu erziehen, sondern das System zu reproduzieren. Heranwachsende, deren einziger Fokus darauf liegt, im ökonomischen Wettkampf nicht unten durchzufallen, die sind bequem für das System. Und zu diesem Zweck reiht sich logischerweise auch die Schule in die Konkurrenzmaschinerie ein, jeder gegen jeden, Einzelkampf. Machterhalt garantiert. Danke, Kapitalismus.
Also, ja, die Politik „wachzurütteln“ und mehr Wirkmächtigkeit zu erlangen, wäre wohl erstrebenswert. Solange es aber noch einen Haufen Idioten wie beispielsweise Mario E. gibt, bin ich, so zynisch das auch klingt, froh über eine festgefahrene repräsentative Demokratie, in denen ihre Funktionäre sich wenigstens noch dem Erhalt einer demokratisch-rechtsstaatlichen Grundordnung verschrieben haben und der Rest nichts zu melden hat.
Gespannt darf man dennoch bleiben, wie sie das Problem dieses Mobs lösen will, den sie wohl nicht mehr los wird, aber auch nicht tolerieren kann.

Streikrecht

Im Nachklapp und aus Prinzip:

Die GDL streikt? Ach ja, wirklich!

Auch der noch so nachrichtenscheue Mensch hat es mitbekommen. Und jeder hat sich eine Meinung darüber gebildet, die meisten haben laut geflucht.
Denn wenn die Lokführergewerkschaft mal wieder beschlossen hat, dass die Deutsche Bahn ihre Dividende doch bitte mit denen teilen sollte, die dafür gearbeitet haben, stößt das bei den wenigsten auf Verständnis. Sowieso haben die meisten Leute scheinbar Grundlegendes nicht verstanden: nämlich, das Streik nur funktioniert, wenn er von Menschen bemerkt wird.

«Streikrecht ist im Grunde eine gute Sache, denn wie sonst sollen Arbeiter ihren Unmut wirkungsvoll kundtun»

Aber bitte nicht auf unseren Schultern, liebe Streikende. Dass es bei Arbeitskämpfen nicht um den euphemistischen“Unmut“ der Arbeiter, sondern um ganz konkrete Widersprüche geht, in denen die eigens erkämpften Rechte ständig verteidigt werden müssen, ist den meisten scheinbar nicht mehr bewusst. Darum ein kleiner Exkurs zum Thema „Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit“ oder „warum Streik notwendig ist und wie er funktioniert“.

Zuerst einmal sollte mensch sich bewusst machen, dass es, vereinfacht ausgedrückt, zwei Parteien gibt. Das sind die Arbeitgebenden, die über Kapital verfügen, das sie zu maximieren suchen, um Wachstumslogiken und Konkurrenzfähigkeit zu bedienen. Auf der anderen Seite stehen die Arbeitnehmenden, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.

Im Produktionsprozess, der natürlich so billig wie möglich gehalten werden soll (wir erinnern uns an die Profitmaximierung), ist die Arbeitskraft eine Ressource, an deren Kostenschraube scheinbar leicht zu drehen ist. Das heißt: Im Interesse der Arbeitgebenden steht erst mal nicht, dass Arbeitnehmende viel bezahlten Urlaub bekommen, ein hohes Gehalt, wenig unbezahlte Überstunden, oder (ganz pauschal ausgedrückt) viele Arbeitnehmer*innenrechte genießen. Warum das irgendwie Sinn ergibt, lässt sich ganz einfach an einem Beispiel verdeutlichen: Es gibt eine zu besetzende Stelle, aber ein Überangebot von Bewerber_innen, die in einer Schlange stehen. Der*die Erste sagt: „Ich arbeite 5 Tage die Woche, 35 Stunden, zu einem Mindeststundenlohn von 10 Euro.“ Weiter hinten in der Reihe meldet sich daraufhin ein*e Andere*r: „Ich arbeite 5 Tage, 40 Stunden, für 5 Euro Stundenlohn“. Wer wird wohl eingestellt?
Das Interesse der Arbeitnehmenden ist hingegen ein sehr gegenteiliges. Ein Beispiel soll auch hier den Punkt deutlich machen: Ein*e Arbeitnehmener*in bekommt zwei Arbeitsverträge vorgelegt, von denen sich einer ausgesucht werden darf. Im ersten steht, es müsse an 5 Tagen pro Woche,  40 Stunden, für einen Stundenlohn von 5 Euro gearbeitet werden, es gibt bezahlte Überstunden, aber nur 3 Wochen Urlaub. Der zweite Vertrag bietet eine 5-Tage-Woche mit 35 Stunden, 10 Euro Stundenlohn, bezahlte Überstunden und 5 Wochen Urlaub.
Für welchen entscheidet sich der*die Arbeitnehmer*in wohl?
Warum ist das so? Ganz einfach: die Erwerbsarbeit dient dem Zweck des Lebensunterhalts, das ist wohl allen klar. Darum gilt: je weniger ich arbeiten muss und je mehr ich dafür bekomme, um es dann wieder auszugeben (oder überhaupt erst ausgeben zu können), um so besser. Es gibt also zwei sehr gegensätzliche Interessengruppen, die sich scheinbar schwer miteinander vereinbaren lassen. In einem unregulierten Markt wären die Arbeitnehmenden völlig vereinzelt der Konkurrenz unterworfen, ihre einzige Möglichkeit, sich zu solidarisieren, gelingt darüber, dass sie sich mit ihren gemeinsamen Interessen zusammentun. Unternehmen, also Arbeitsgebende hingegen, sind keine Wohlfahrtsverbände. Daher gibt es Interessenvertretungen für beide Parteien, also die Gewerkschaften und die Arbeitgeberverbände. Die Stärke der Gewerkschaften bemisst sich am sogenannten Organisationsgrad, also der Anzahl der Mitglieder (der potentiellen Mobilisierungsstärke). In Deutschland liegt der Organisationsgrad der Gewerkschaften bei ca. 18 Prozent (Stand 2010), der der Arbeitgeber ist deutlich höher.
Es gilt: je höher der Organisationsgrad, desto mächtiger ist die Gewerkschaft als Verhandlungspartner und desto höher können Forderungen gestellt werden. Das verdeutlicht eines: Streik muss wehtun. Den meisten Leuten ist es egal, wenn bei VW die Arbeiter_innen vor den Werkstoren stehen (den Arbeitgebern nicht, wenn auf einmal 98% der Beschäftigten die Arbeit niederlegen), aber es betrifft die Allgemeinheit und den Einzelnen kaum, denn das eigene Auto fährt und der Alltagsablauf ist nicht gestört. Anders bei der GDL oder, noch krasser: bei den Erzieher_innen, die seit drei Wochen regelmäßig ihre Arbeit niederlegen und nun zunehmend den Ärger der Eltern auf sich ziehen.
Noch mal: Streik muss weh tun: so entsteht öffentlicher Druck, der gerade dort notwendig ist, wo der Organisationsgrad gering und die Organisation schwierig ist, zum Beispiel in allen sozialen Berufen.
Das führt mich zum nächsten Punkt: der Entsolidarisierung. Solidarität ist in Deutschland ein großes und oft benutztes Wort, aber immer öfter wird mensch von dem Gefühl beschlichen, dass die Idee der Solidarität nicht mehr so recht in einer breiten Basis verankert ist.
Argumente wie „Andere Menschen müssen doch auch zu ihrem beschissen bezahlten Job gehen“, fordern zu einer völlig falschen und unsolidarischen Duckmenschenhaltung unter kapitalistische Zwänge auf. Und zeigen eine völlig verkürzte Kritik. Es geht nicht darum Streik zuzugestehen, sondern ihn zu unterstützen, es geht nicht darum, anderen Streik zu missgönnen, sondern sich dann zu organisieren und vor allem geht es darum, zu begreifen: das Problem sind nicht die Arbeitnehmenden, die für Verbesserungen von ihrem Recht gebrauch machen. Nicht die Streikenden Bahner*innen oder Erzieher*innen sind „irregeworden“. Sie leben in einem völlig irren, auf solcher Konkurrenz basierendem kapitalistischen System, dass sie, für das mindeste, nämlich für ihre verdammten Rechte, angefeindet werden. Und zwar von denjenigen, die sich mit ihnen solidarisieren müssten: nämlich anderen Arbeitnehmenden.

«es ist eure fehlende Solidarität mit alldenjenigen, die für eure „Misere“ nichts können, und denen ihr ihren mindestens so schweren Alltag wie euren, noch weiter erschwert. Dazu habt ihr kein Recht.»

Jede*r von uns kann etwas für diese „Misere“ und: doch! Dazu haben wir das Recht. Ob einmal, zweimal oder zwanzig Mal im Jahr. Und das ist gut so!

Kommentar zu: https://aschenputtelvisionen.wordpress.com/2015/05/21/streikunrecht/

Aua, das juckt

Das mit der politischen Praxis ist so eine Sache. Meistens ist ihre Wirkmächtigkeit stark begrenzt. Gleiches gilt auch für das Schreiben: damit hat noch niemand die Welt verändert; ob sich XY in Onlineblogs echauffiert oder Hermann Hesse ein Gedicht schreibt, interessiert diejenigen, die auf dem Machtmonopol sitzen und auch die Gesellschaft als seltsames Konstrukt, (nicht mal) im Zweifel nur wenig.
Warum also trotzdem einen Blog führen?
Weil, ob ich nun schreibe, auf die Straße gehe und im Demozug Bockwürstchen esse oder eben Steine schmeiße, eine Petition aufsetze oder mich in sonstwelchen Bündnissen engagiere, eigentlich keinen großen Unterschied macht. Ich habe nun also die Wahl, mit den Schultern zu zucken, brav mein Studium abzuschließen, zu arbeiten, eine Familie zu gründen und ein Haus zu bauen und mir zu denken: so schlimm ist ja alles gar nicht (denn mir geht’s doch ganz gut). Oder, weil wegsehen meistens nur suboptimal funktioniert und, wenn man erst mal anfängt, nach dem Mist, der vor der eigenen Nase gärt, zu schnüffeln, Frust nicht ausbleibt, zur Mücke zu werden.
Stechen, pieksen, nerven, bis sich das System entnervt kratzt. Ist nur klein, bleibt nicht für ewig, aber es ist rot, juckt und tut weh.
Und währenddessen: hoffen auf den Kommunismus.